Blind auf dem höchsten Berg Skandinaviens - Galdhøpiggen

Christin Bartling, 12.11.2018

 

Blind auf dem höchsten Berg.

Ein Reisebericht von Christin Bartling

Sommer 2018, Campingplatz am Fuße des Galdhøpiggen.

 

Ein lautes Schrillen zerreißt die Stille um mich herum. Farben und Formen verblassen bis eine alles verschlingende Dunkelheit übrig bleibt. Ich kneife die Augen fest aufeinander um der Schwärze etwas entgegen zu setzen. Kurz flackert das Bild erneut auf und die Farben explodieren regelrecht. Ich entspanne mich und genieße den Anblick, sauge das Lichtspiel in mich auf. Möchte es konservieren, festhalten und mit in die Wachwelt mitnehmen. Erneutes Schrillen. Mit einem Schlag ist es finster. Frustriert öffne ich meine Augen und die Schwärze bleibt. Eine Hand tastet nach mir. „Christin, aufstehen.“, kommt es von Michael, noch reichlich verschlafen. „Bin schon wach“, gebe ich etwas mürrisch zurück. Das schale Gefühl in meinem Inneren zieht sich langsam zurück, nistet sich in einer kleinen Ecke meines Herzens ein und wartet. Wartet auf den richtigen Moment, um mich wie ein wildes Tier anzuspringen und dann genüßlich seine Krallen in mein Fleisch zu graben. Und es ist verdammt geduldig.

Mit einem Hops legt sich Einstein quer über meinen Bauch und leckt mir über das Gesicht. Er hat meine traurige Stimmung gespürt. Als ich nicht sofort reagiere, stupst er energisch gegen meinen Arm. Der Bann ist entgültig gebrochen und ich bin im hier und jetzt. Mit einem Ruck setze ich mich auf. Heute ist mein Tag. Da kann ich es mir nicht erlauben so düsteren Gedanken nachzuhängen.

Michael neben mir bewegt sich. „Guten Morgen, bist du schon aufgeregt?“ „Hmmmmm.“ Er kichert. „Was ist daran so lustig?“ „Na ja, du bist sau nervös. Merkt man, du quasselst mir nicht die Ohren voll“, sagt er heiter. Während ich nach der Bettkante taste, brumme ich ihm eine unverständliche Antwort zu und ernte dafür ein lautes Lachen. Mit wenigen Schritten stehe ich vor dem Kleiderschrank. Obwohl ich unseren Sprinter nur als leeren Kasten gesehen habe, bewege ich mich darin mit einer traumwandlerischen Sicherheit. Unser Sofa, die Küchenzeile mit ihren Schubladen und unseren Tisch habe ich mit den Händen gelesen und in meiner Fantasie dazu ein Bild erschaffen. Bevor ich überhaupt eine Chance hatte einen Blick auf Michaels Ausbau zu werfen, verdunkelte sich meine Welt von heute auf morgen. Trotzdem wühle ich gutgelaunt in meinen Klamottenfach auf der Suche nach meinem Wander-T-Shirt. Irgendwo hier drin muss das doch sein. Mir bleibt leider nichts anderes übrig als jedes einzelne Shirt in die Hand zu nehmen. Das nervt mich total, da ich für gewöhnlich ein ungeduldiger Mensch bin. Da ist es endlich. Ich ziehe mein Wollshirt als letztes aus dem Fach und stopfe den Rest wieder hinein. Die Klamotten zusammen zu legen wäre wie ein Kampf gegen Windmühlen, da ich auf der Suche nach dem nächsten Kleidungsstück wieder den gesamten Schrank ausräumen muss. Und die Mühe mache ich mir einfach nicht mehr. Vom Bett her gähnt es herzhaft. Das klingt verdächtig nach Einstein. Für ihn ist es definitiv auch noch zu früh am Morgen. Routiniert greife ich blindlings nach meinem Handtuch und mache mich für den Aufstieg meines Lebens frisch.

"Aufstehen! Wir wollen doch schnell zum Gipfel hoch!"

5 Jahre zu vor, gleicher Ort, gleiche Zeit.

 

Herzhaft strecke ich mich ausgiebig. Die Nacht war etwas unruhig, da es für Einstein ziemlich aufregend war. So lange war er noch nicht bei uns und das Leben in unserem Hannes, einem alten VW LT35, doch furchtbar ungewohnt. Wir standen am Fuße des Galdhøpiggen, neben der Straße auf dem Campingplatz der Spiterstulen, einem alten Gehöft. Etwas ungewohnt, aber sehr idyllisch gelegen. Unser Hannes darf direkt am Fluss auf einer satten, grünen Wiese stehen. Gleißend helles Sonnenlicht drang durch die Dachhaube in das Innere unseres Wohnmobils. Einstein war mit einem Satz über mir und schaute in mein Gesicht, dabei wedelte er ganz aufgeregt mit dem Schwanz. Liebevoll graulte ich ihm hinter den Ohren. „Du willst bestimmt raus und buddeln.“ Jetzt wackelte nicht nur der Schwanz, sondern der ganze Hund. Ich drehte mich zu Michael um. „Aufstehen! Wir wollen doch schnell zum Gipfel hoch!“ Michael rührte sich kein Stück. „Miiichaaeeel. Aufstehen“ zwitscherte ich und rüttelte sanft an seiner Schulter. Als Antwort erntete ich nur ein unverständliches Brummen. Währenddessen sprang Einstein vom Bett und rannte zur Schiebetür. Ungeduldig tappelte er von einer Pfote auf die andere. Seufzend erhob ich mich. Meine nackten Füße berührten den kühlen Boden.  

Nachdem ich  mir ein paar frische Klamotten aus dem Schrank genommen hatte, öffnete ich das Rollo am Küchenfenster und sah hinaus. Ein breiter Fluss schlängelte sich durch das Gebirge, rechts von uns stand eine Holzhütte, in der ein Plumpsklo untergebracht war und wenn ich mich ein bisschen weiter nach vorne lehnte, dann konnte ich ein paar Zelt auf der Wiese sehen. Hinter mir fiepte es herzerweichend und mit einem Schmunzeln drehte ich mich um. „Ist gut. Wir gehen schon raus.“ Mit viel Schwung öffnete ich die Schiebetür, damit Einstein endlich raus konnte. Vergnügt schwatzende Wanderer liefen gerade an uns vorbei. Der Himmel war wolkenlos und ich hielt mein Gesicht in die morgendliche Sonne. Im Wageninneren rumpelte es verdächtig. Michael schien endlich wach geworden zu sein und klappte unser Bett wieder zu einem Tisch um. Mit einem Blick aus dem Küchenfenster, behielt ich Einstein im Auge, während ich frischen Kaffee aufsetzte.

Kalte Luft umfängt mich.

Kalte Luft umfängt mich, während ich mich bei Michael unterhake. „Wir stehen übrigens an der gleichen Stelle wie vor 5 Jahren mit Hannes.“ „Gibt es diese rote Hütte noch?“ frage ich. „Ja, schaut alles so aus wie früher.“ Links von mir nähert sich ein klapperndes Geräusch. Das erinnert mich immer an meine Grundschulzeit, als ich mit meinem Schulranzen mehr gerannt als gegangen bin und der Löffel so lustig in der Brotdose geklappert hat. Das Geräusch wird lauter. Ich muss lachen, denn Einstein rennt mit einem Affenzahn an mir vorbei. „Da scheint aber jemand Spaß zu haben.“ „Ich habe ihm extra ein paar Nüsse in den Rucksack getan, weil du das Geräusch doch so magst.“ Das ist wirklich süß von Michael, so kann ich wenigstens zum Teil erahnen wo sich Einstein aufhält. Mit jedem Schritt, der wir uns der Spiterstulen Touristhytta nähern, werde ich nervöser. Denn von dort aus beginnt die eigentliche Wanderung auf den höchsten Berg Nordeuropas. 

Ein Jahr lang habe ich mich darauf vorbereitet.

Ein Jahr lang habe ich mich mental und körperlich darauf vorbereitet. Doch mulmig ist mir schon ein bisschen. Manchmal frage ich mich, ob ich nicht verrückt bin. Es ist doch so, dass ich nicht einmal die Hand vor meinen Augen sehen kann und dann tatsächlich auf den höchsten Berg Skandinaviens steigen möchte. Mein Umfeld hat im besten Falle mit Ungläubigkeit reagiert, wenn ich von dieser Wanderung erzählt habe. Viele haben mich auch nicht für voll genommen und das als eine Spinnerei abgetan. Jetzt bin ich jedenfalls am Fuße des Galdhøpiggen. „Gleich sind wir an der Spiterstulen. Dort wo der Container mit den Waschräumen steht.“ erklärt Michael mir den Weg. „Ja, ich erinnere mich. Steht dort wirklich noch diese Blechhütte?“ Michael schlägt den Weg nach rechts ein und bleibt dann plötzlich stehen. „Ist alles noch genauso wie 2013.“ Ein lautes Quietschen ertönt und dann scheppert es metallisch. Wir müssen durch das Gatter und auf Holzplanken über den Fluss. Noch einmal atme ich tief durch und hebe einen Fuß, um die Holzbalken zu ertasten. In meiner Aufregung mache ich jedoch gleichzeitig einen Schritt und bleibe mit dem linken Schuh hängen. Noch bevor wir einen einzigen Höhenmeter überwunden haben, knalle ich auch schon auf den Boden. Das fängt ja wunderbar an. Hoffentlich ist das kein Omen für die weitere Strecke. Starke Hände stellen mich wieder auf meine Füße. „Hast du dir was getan?“ „Nein, alles gut.“ Ich komme mir zwar gerade vor, wie der letzte Idiot, aber das behalte ich für mich. Blind sein ist manchmal echt beschissen, besonders wenn man an so Kleinigkeiten, wie einer Stufe scheitert. Mit aller Macht verdränge ich diese trüben Gedanken, denn dafür habe ich jetzt keine Zeit. Hinter mir höre ich Schritte und dann legt sich eine Hand auf meine Schulter. Michael navigiert mich über die Brücke indem er leichten Druck mit seiner Hand ausübt und ich ungefähr weiß in welche Richtung ich gehen muss.

Ich schließe meine Augen und konzentriere mich.

Das erste unwegsame Stück fällt mir leichter als ich erwartet habe. Mit meinen Händen halte ich mich hinten an Michaels Rucksack fest, immer darauf bedacht ihm nicht permanent in die Hacken zu treten. So kommen wir ganz gut voran. Ich mag mir gar nicht vorstellen wie das aussieht und was die Leute so über uns denken. Immer wieder halten wir an und lassen andere Wanderer vorbei. Gesprechsfetzen, lautes Lachen und vereinzeltes Schnaufen dringt an mein Ohr. „Alles gut in der zweiten Reihe?“ fragt Micha. „Ja, passt alles.“ „Bleib einfach stehen. Ich filme ein bisschen.“ Dann knirschen Steine und er entfernt sich von mir. Aus der Ferne höre ich, wie er mit der Kamera spricht und den Zuschauern diese atemberaubende Landschaft zeigt. Ich schließe meine Augen und konzentriere mich. Suche in meinen Erinnerungen nach den Bildern. Erschaffe um mich herum das helle Licht der Sonne, den blauen, wolkenlosen Himmel. Kneife die Augen fester zusammen. Zeichne ein Bild meiner Umgebung, fülle die Steine, Berge mit Farbe und bringe das alles zum Leuchten bis ich das Gefühl habe wirklich in dieser Landschaft zu stehen und wünsche mir so sehr, dass die Farben und das Licht nicht nur in meiner Vorstellung existieren. Nach einem tiefen Atemzug öffne ich meine Augen und alles ist schwarz.

Mit vollem Karacho springt Einstein gegen mein Bein, um mir zu sagen, dass er wieder da ist. Früher haben wir uns mit Blicken verständigt, seit dies aber nicht mehr geht, hat er diese Art der Kommunikation gefunden. Ich bücke mich um Einstein zu streicheln. Ohne nach ihm tasten zu müssen, graule ich ihm hinter dem Ohr, denn er schiebt sich automatisch unter meine Hand. 

Was wäre die Alternative? Auf dem Sofa dahinvegetieren?

Nach drei Stunden steilem Aufstieg machen wir endlich die erste Pause. Es wird auch Zeit. Ich bin total erledigt und stolpere schon über meine eigenen Füße. Es ist wirklich anstrengend die gesamte Zeit hochkonzentriert zu bleiben. Auf die kleinste Veränderung zu achten, während ich damit beschäftigt bin über die winzigsten Steine zu stolpern oder mit meinem Schienbein gegen Felsen zu knallen. Und dann noch, hinten am Rucksack hängend, jede Bewegungen Michaels zu erahnen und abzuschätzen. Das sind dann immer die Momente, in denen ich mich frage, warum ich das eigentlich mache. Ich könnte jetzt total gemütlich auf dem Sofa sitzen. Würde nicht schwitzen oder mir die Schienbeine grün und blau schlagen. Wieso muss ich blind auf den Galdhøpiggen? Was wäre die Alternative? Auf dem Sofa dahinvegetieren?

Sicher könnte ich jetzt schön auf dem Sofa sitzen. Und dann? Mehr traut man mir doch gar nicht mehr zu. Vor vier Jahren habe ich noch an meiner Doktorarbeit geschrieben und jetzt bin ich nicht mehr in der Lage Socken zu finden, die wenige Zentimeter vor mir auf dem Boden liegen. Die Welt um mich herum hat sich aufgelöst, wurde von einem undurchdringlichen Nebel verschluckt. Das allein ist schon schlimm genug, doch diese Krankheit hat mir noch mehr genommen. Meine Individualität und Selbstbestimmung. Ich werde nur noch als Kranke wahrgenommen und über meine Erblindung definiert. Blind = blöd. Das sagt zwar keiner so direkt, aber Ärzte oder andere Menschen im täglichen Umgang sprechen nur noch mit Michael über mich. Während ich daneben stehe. Das ist so frustrierend. Darauf habe ich einfach keinen Bock mehr und will diesen Berg hoch um mir, der Krankheit und all den anderen zu beweisen, dass ich es schaffen kann. Deshalb stehe ich jetzt hier, blind, auf dem Berg, auf einem Plateau auf 1900 Metern.

Wir machen eine ausgiebige Pause und ich fühle mich wieder wohl. Michael fliegt mit seiner Drohne, während Einstein und ich ein paar Köstlichkeiten verputzen. In Gedanken gehe ich die Strecke nocheinmal durch. Ich seufze schwer, als mir klar wird, dass nun der Weg über den Ostgrat zum ersten Gipfel der Tour, dem Svellnose, vor uns liegt. Der erste richtig anstrengende Abschnitt.

Nie zuvor in meinem Leben stand ich auf einem Grat am Abgrund.

Ich atmete tief ein und schaute fasziniert über die sich vor mir ausbreitende Landschaft. Nie zuvor in meinem Leben stand ich auf einem Grat am Abgrund, nun stand ich auf dem Grat hinauf zum Keilhaus topp. Nach dem Svellnose der zweite anstrengende Abschnitt dieser Wanderung. Links Abgrund, rechts ein 45 Grad nach unten abfallendes Schneefeld. So etwas kannte ich bisher nur aus Büchern oder Beschreibungen.

Michael legte ein ziemliches Tempo vor, deshalb konnte ich ihn auch nicht mehr sehen. Einstein flitzte die gesamte Zeit zwischen uns hin und her. Er war ziemlich aufgeregt. Es ging mir genauso. Dieser gigantische Ausblick. Die Berge um mich herum, die aussahen als würden sie weiße Mützen tragen. Zwischen ihnen lagen Gletscher von unbeschreiblicher Größe. Und vor mir ragten große Felsblöcke auf. Flink wie ein Wiesel manövrierte sich Einstein durch das Geröllfeld. Ich hatte ziemliche Mühe nach oben zu kommen. Weit war es nicht mehr bis zum zweiten Gipfel dieser Tour, dem letzten Gipfel vor dem Galdhøpiggen. „Wo bleibst du denn? Wir wollen heute noch hoch!“ rief Michael von weiter Ferne. Ich hob meinen Kopf und nach wenigen Augenblicken sah ich ihn. „Ich habe mir nur die Berge angeschaut!“

Ich habe wirklich keine Lust mehr auf diesen Scheiß.

 „Du musst die Schuhe seitlich in den Schnee rammen, sonst hast du keinen Halt.“ ruft Michael mir zu. Ich hasse Schneefelder! Das macht absolut keinen Spaß. „Mache ich doch!“ brülle ich gereizt zurück. Mir laufen schon wahre Sturzbäche den Rücken herunter und immer wieder rutscht mein Schuh ab und ich finde keinen Halt. „Nein, machst du nicht.“ „Doch!“ Mit einem Klatsch lande ich im Schnee. Ich habe wirklich keine Lust mehr auf diesen Scheiß. Schnee knirscht unter Michaels Schuhen, als er sich zu mir umdreht. Auf allen Vieren hocke ich auf diesem doofen Schneefeld. Plötzlich galoppiert etwas von links auf mich zu. Abrupt stoppt es und dann spüre ich eine nasse Zunge an meiner Nase. Sofort muss ich breit grinsen. Einstein liebt Schnee und darin herum zu tollen. „Jetzt komm wieder hoch. Wir sind bald da.“ Ich hieve mich  nach oben. „Das sagst du bestimmt nur so und in Wirklichkeit dauert es noch ewig.“ Michael nimmt mich in den Arm. „Du machst das toll. Wir haben es gleich geschafft. Gib nochmal alles.“ „Mach ich doch. Aber trotzdem rutsche ich ständig weg. Ich sehe nicht wie ich meinen Stiefel in den Schnee bohren soll.“ „Ich weiß, versuch es.“ Der Weg scheint endlos und kostet viel Kraft. Irgendwann müssen wir doch über den Piggbreen drüber sein. 

„Nur noch wenige Meter, dann sind wir oben.“ Wenige Meter, wenige Meter. Murmel ich unaufhörlich vor mich hin und setze einen Fuß vor den anderen. Dann spüre ich wieder felsigen Boden unter meinen Füßen. Es folgt ein lauter Aufschrei und ich werde in eine Umarmung gerissen. „Wir haben es geschafft! Ich bin so stolz auf dich!“ brüllt Michael mir ins Ohr. Einstein hopst wie wild um uns herum und bellt aufgeregt. Endlich oben. Das ist der absolute Wahnsinn.

Auf wackeligen Knien.

Auf wackeligen Knien und bei meinem Mann eingehakt suchen wir uns ein Plätzchen zum Verschnaufen. Hier ist die absolute Hölle los. „Wahnsinn, die sind alle mit dem Tausendfüßler von der Juvasshytta über den Styggebreen gekommen.“ „Das ist nichts für mich. Viel zu einfach.“ gebe ich übermütig zurück. Das laute Schnattern und Gequatsche der anderen Wanderer, macht es mir unmöglich mich zu orientieren. Ich habe wirkliche Mühe den allen auszuweichen. Auf diese Lautstärke hier oben war ich nicht vorbereitet und es fällt mir schwer mich zurechtzufinden. Tausend Gedanken schwirren mir in meinem Kopf herum. Ein ganzes Jahr habe ich auf diesen Augenblick hingearbeitet. Stunden auf meinem Hometrainer verbracht, während anderer Wanderungen meine Nerven und Frusttoleranz gestählt. Jetzt bin ich tatsächlich hier oben. Blind auf dem höchsten Berg Skandinaviens und die ganzen Arschgeigen können mich mal. Ich fühle mich absolut großartig und bin ein gutes Stück gewachsen. Jemand rempelt mich an, ich will schon ausweichen, da höre ich Michaels Stimme. „Setz du dich hier hin und ich hole uns einen Kaffee.“ Mit den Fingern ertaste ich den Felsblock und lasse mich darauf nieder. „Ja, aber vergiss die Galdhøpiggen-Tasse nicht, deswegen bin ich doch hier.“ Ein lautes Lachen ertönt von rechts. Dann spüre ich warme Lippen auf meinen Lippen. „Mal schauen ob noch eine da ist, aber wenn ich mir die Massen hier so ansehe… Die haben bestimmt die ganze Hütte leergekauft.“ Ich verdrehe die Augen und werfe eine Kusshand in die Richtung, wo ich Michael vermute. Auf meiner anderen Seite gluggst es verdächtig. „Wieso wirfst du dem Norweger vor dir ein Küsschen zu? Weiß ich da was nicht?“ Wie peinlich. Ich wende schnell mein Gesicht ab und kraule Einstein, der neben mir auf meinem Rucksack liegt. Solche Situationen sind wirklich furchtbar. Früher habe ich auch immer geantwortet, weil ich der Meinung war, dass jemand mit mir gesprochen hat. War nicht so. Ich wäre am liebsten im Erdboden versunken. Na ja, dass stärkt das Selbstbewusstsein und verstecken hilft auch nicht. Ich hebe meinen Kopf und lasse mein Gesicht von der Sonne wärmen.

Nachdem ich meine Trophäe sicher in meinem Rucksack verstaut habe, kommen wir jetzt zu dem Teil der Wanderung, auf die ich mich riesig freue. Wenn man ein Schneefeld nach oben steigt, muss man auch wieder runter. Und jetzt wird es richtig klasse. Ich streife mir meine Regenhose über, stopfe alles in meine Socken und zurre den Rucksack fest. Ein bisschen mulmig ist mir dann doch schon, in das totale Nichts zu rutschen, das ist verrückt. Doch eine kribblige Aufregung verdrängt jeden Zweifel. „Bist du bereit?“ „Klar, doch.“ Ich setze mich hinter Michael und schlinge meine Beine um seine Hüfte. Auch er hat sich das ganze Jahr auf diese Rutschpartie gefreut. „Wo ist Einstein. Nicht das wir ihn hier oben vergessen.“ „Der steht direkt neben dir.“ Dann schiebt Michael uns nach vorne und wir rutschen los. Rasant geht es nach unten. Hatte ich vorher noch Zweifel, so sind sie jetzt wie weggeblasen. Ein unbändiges Glücksgefühl strömt durch meine Adern. Hinter mir höre ich Einstein bellen und vor mir lacht Michael unaufhörlich. Sensationell! 

Der Galdhøpiggen ist mit 2469m der höchste Berg Skandinaviens. Gelegen im Jotunheimen-Nationalpark, erreicht man ihn auf mehreren Wegen. Neben dem leichten und nur ca. vier Stunden dauernden Aufstieg von der 1841m hoch gelegenen Juvasshytta über den Styggebreen, gibt es drei Möglichkeiten ab der ca. 1100m hoch gelegenen Spiterstulen im Visdalen.

Wir sind den Weg über den Svellnose und den Keilhaus topp gegangen, nach unserer Recherche ist diesen Weg bisher kein sehbehinderter Mensch zuvor gegangen. Im August 2016 wurde eine Gruppe sehbehinderter Wanderer  der norwegischen Retinitis Pigmentosa -Vereinigung von insgesamt ca. 90 Personen von der Juvashytta auf den Galdhøpiggen geführt.

Hat Dir der Text gefallen?

Möchtest du mehr solcher Inhalte auf wirsehnunsunterwegs.de?

Dann kannst du uns mit einer kleinen Spende unterstützen:







Werbung



Das könnte Dich auch interessieren:

Tipps & Tricks für die Reise mit dem Wohnmobil nach Norwegen

Hier haben wir Informationen, Tipps & Tricks für eure Reise mit dem PKW oder Wohnmobil nach Norwegen zusammengestellt. weiterlesen



Kommentar schreiben

Kommentare: 6
  • #1

    Rene (Sonntag, 18 November 2018 20:27)

    Vielen lieben Dank liebe Christina für deinen tollen Text und deine rührende Geschichte. Ich würde mich freuen in Zukunft mehr von euch in textform lesen zu können.

  • #2

    Andrea (Mittwoch, 21 November 2018 11:42)

    Vielen lieben Dank, dass Ihr uns an Euren Reisen teilhaben lasst. Christin, gerne würden wir noch mehr von Deinen Texten lesen und sind dankbar über alle Tipps, die wir von Michael bekommen. Wir sind sehr gespannt, wie es bei Euch weitergeht und wünschen Euch alles Gute. Vielleicht sehen wir uns ja mal unterwegs...
    Andrea und Uwe

  • #3

    Volker (Donnerstag, 22 November 2018 01:16)

    Ein erblindeter Bekannter in Canada erklärte mir mal, dass der Verlust eines Sinnes die anderen Sinne "schärft". O.K., wie soll ich das denn bitteschön mit meinen mittelmäßig ausgeprägten Sinnen nachvollziehen? Voll toll. Bis heute.
    Ich habe euer Video gesehen und ich habe deinen Text gelesen. Vor YT und FB war das geschriebene Wort gang und gebe. Aufwendig produzierte Videos und Drohnenflüge (und Michael kann das wirklich gut) können eine Story, wie du sie hier erzählst nicht ersetzen (Sorry, Michael! :-)).
    Suche mal nach "Spaziergänge mit Hilde", wenn du Zeit und Lust hast. Dort wirst du vielleicht noch besser verstehen, was ich damit meine. Und ich bin Atheist. :-)
    Bleibe so inspiriert - ich bin Fan von "lebendigen" Erzählungen.
    Viele Grüße aus Herne,
    Volker

  • #4

    Thomas (Donnerstag, 22 November 2018 18:42)

    Respekt! Eine großartige Leistung.

  • #5

    Jörg (Freitag, 23 November 2018 10:42)

    Liebe Christin,
    ich bin extrem beeindruckt, Hut ab! Weiter so, lass Dich niemals unterkriegen. Und lasst uns alle weiter an den tollen Berichten und Filmen teilhaben.
    Viele Grüße aus Hamburg,
    Jörg

  • #6

    Patrick (Montag, 26 November 2018 22:50)

    Super Reisebericht, echt interessant und vor allem mega authentisch. Weiter so!!
    Man gibt manchmal echt Geld für Schrott-Literatur aus (Bild) ;-)
    Wenn man mal sowas tolles liest, ist es ja nur fair wenn man mal ne Spende da lässt.
    Viele Grüße aus dem Harzer Vorland
    Patrick